Zeitgeschehen

Granat

Heute hat ein wunderbares Einhorn diese Welt verlassen. Granat, mein Großer.

Ich habe dich erst vor ein paar Monaten kennengelernt. Dein Mensch hätte mich gern als Pflegebeteiligung gehabt. Geritten wurdest du schon lange nicht mehr, weil du so schlimm Arthrose hattest. Aber ich hatte nicht genug Zeit und wollte mich nicht festlegen – wir Menschen haben ja nie Zeit. Aber für dich habe ich mir immer etwas mehr Zeit genommen als für die anderen Pferde, beim Füttern, beim Aufhalftern, wenn ich dich auf die Weide oder wieder in deine Box gebracht habe. Oft bin ich später noch mal in deine Box gekommen, habe dich gestreichelt, massiert, gekuschelt. Du hast das geliebt – und ich erst.

Heute hast du Graniza angegiftet, als sie zu mir kommen wollte. Du wolltest mich für dich, wolltest zuerst auf den Paddock. Ich habe kurz geschimpft, weil ich das so gar nicht mag. Du hast den Hals durch die Tür gesteckt und deine Schnute an mein Gesicht gedrückt, als ob du sagen wolltest, nicht böse sein. Ich habe den Karabiner an der Tür dann endlich aufbekommen und bin zu dir gekommen, habe dich gekuschelt, aufgehalftert und auf den Paddock gebracht. Dann habe ich Graniza geholt und euch noch ein wenig zugesehen – die vier Jungs haben getobt, Grani war am Wasser und du standest etwa in der Mitte des Paddocks und hast mich angesehen. Wusstest du, dass es das letzte Mal war? Später, als ich weg war, bist du auf dem Paddock zusammengebrochen und über die Regenbogenbrücke gegangen.

Ich bin unendlich traurig, dass du gegangen bist. Du warst nicht mehr jung und nicht gesund, du musst jetzt nicht mehr leiden, nicht mehr langsam gehen, obwohl du viel lieber mit den anderen toben und galoppieren würdest, nicht mehr hoffen, dass du nach dem Wälzen deine Beine genug beugen kannst, um wieder aufzustehen. Du musst keinen kalten Winter mehr überstehen. Aber du fehlst mir so sehr, obwohl du nie wirklich zu mir gehört hast.

Mach’s gut, Granat, du wunderbares Einhorn, mein Großer.

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